#LiebsterAward – elf Fragen an uns

Nominiert von dem, der auszog, das Leben zu lernen, möchten wir nunmehr die Antworten darreichen, die er sich von uns auf folgende Fragen erhoffte:

1. Warum hast du zu bloggen begonnen?
frauAnna glaubt, sie blogge hauptsächlich um des Bloggens willen. Schlaudrauf gibt jedoch zu bedenken, dass wir eigentlich »gar nicht so richtig bloggen«: zu viel Leben, zu viel Dienst, zu wenig Poesie.

2. Was ist dein liebster/dein subjektiv wichtigster Post bisher?
Wir geben immer alles. Aber solange du, werter Leser, nicht den mindestens zweifachen Schriftsinn unserer Ergüsse verstanden hast, wirst du niemals beurteilen können, wie viel wir tatsächlich geben.
[frauAnna wendet ein, dass sie keinesfalls so dick auftragen würde, aber ja, vermutlich habe er, Schlaudrauf, völlig recht – alles ist persönlich, wenngleich niemals privatim. Man (meint nun: wir) muss schließlich auch eine gewisse Reserve an den Tag legen und einen gewissen moralischen Anspruch an dich, werter Leser, weitergeben.]
[Schlaudrauf nickt.]

3. Gibt es einen Post von dir, den du aus heutiger Sicht nicht mehr veröffentlichen würdest?
Vielleicht diesen Fragebogen. Allerdings hat der Fragebogen an sich natürlich einen nostalgischen Wert analoger Natur. Und doch möchten wir die Frage einem Bumerang gleich, obzwar einigermaßen modifiziert zurückspielen: mit dem situationsbedingt obligaten Frisch-Zitat: »Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: Wofür bitten Sie eher um Verzeihung?« Anschließend bitten wir untertänigst um Verzeihung ob der leider unvermeidlichen Doppelpunktstaffelung.

4. Was war die schönste Reaktion auf deinen Blog/einen Post von dir?
Der Erhalt dieses Fragebogens.

5. Was war die schlimmste Reaktion auf deinen Blog/einen Post von dir?
Der Erhalt dieses Fragebogens.

6. Welches Buch liest du gerade oder hast du zuletzt gelesen?
Wie viel Zeit habe ich, diesen Fragebogen auszufüllen? Und wie genau definiert sich »zuletzt«?
[Schlaudrauf wirft ein, dass frauAnna nun wieder spitzfindig werde; das sei doch eigentlich sein Behuf.]
[frauAnna erwidert, Schlaudrauf möge sich doch bitte nicht gebärden, als sei er der Richter Adam – wie viele Krüge müssen denn erst zerdeppert werden, damit nicht immer diese Zwischenrufe, kurz angebunden, voller Anspielungen, erfolgten?]
[Schlaudrauf weist einigermaßen beleidigt darauf hin, dass dies nunmehr zu einem Zwiegespräch ausarte, und das interessiere wohl niemanden.]
[frauAnna pflichtet bei und möchte auflösen:]
Eines oder mehrere, bislang und im Folgenden nicht genannte.

7. Was war deine bisher inspirierendste Reise?
In 80 Tagen um die Welt.

8. Nenne mir deine Lieblingsfarbe und sage mir, warum sie das ist.
frauAnna sagt Weiß, damit sie alle Farben hat. Schlaudrauf negiert das Ganze und sagt Schwarz. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

9. Was wünschst du dir zu Weihnachten?
Weniger Lebkuchen im September.

10. Was war die letzte Anschaffung, die du gemacht hast?
[frauAnna:] Renovierfassung.
[Schlaudrauf:] Zylinder.

11. Stadt oder Land? Und warum?
Und wieso nicht Fluss?

Abschließend möchten wir unbedingt gesondert und an exponierter Stelle – hier – darauf hinweisen, dass dieser Beitrag heute vor 366 Tagen veröffentlicht werden sollte. Dann allerdings entschieden wir uns aus Gründen, auf die wir an dieser Stelle nicht näher eingehen möchten, spontan dafür, ein Blog-Sabbatical zu nehmen. Wir hoffen, dass uns diese mysteriöse Auszeit den Nimbus des Geheimnisvollen verleiht, bitten dich, geneigter Leser, dennoch um Nachsicht und geloben bis auf Weiteres Besserung.

Ferner möchten wir betonen, dass wir den #LiebsterAward nicht weiterreichen, da wir übereingekommen sind, uns selbst treu zu bleiben und jedweden Kettenbrief, der uns erreicht, nicht weiterzusenden. Außerdem erscheint es uns witzlos, hagenunterwegs die Fragen neuerlich modifiziert zurückzureichen. Man könnte sonst auf die Idee kommen, das Internet sei am Ende gar nicht so weitläufig, wie jedermann zu behaupten scheint.

Sonntagslektüre

Ein nicht ganz beliebiges Wochenende Mitte Mai. Das Wetter: erschreckend ungemütlich. Sonne, Regen und Wind in beständigem Wechsel, die Temperatur ebenso beständig im einstelligen Bereich. Alle Unternehmungen, zu denen der Frühling normalerweise einlädt, erscheinen angesichts dieser klimatischen Gegebenheiten höchst unattraktiv. Dafür tut sich die Möglichkeit auf, mal wieder einen Sonntag urgemütlich auf dem Sofa zu verbringen und etwaigen Aktionismus auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Etwas, das man sonst nur an stürmischen Herbstnachmittagen oder an Sonntagen im Winter tut, wenn der Himmel bleigrau herabhängt: sich mit einem Kaffee oder Tee, etwas Gebäck und guter Lektüre tief in die Sofakissen zu vergraben. Ein wenig leise Musik im Hintergrund: perfekt. Manch einer mag dies als piefig abtun, aber hin und wieder sollte man einfach auch mal die Gemütlichkeit regieren lassen. Die Seele baumeln lassen und in andere Welten abtauchen, ohne sich aus den eigenen vier Wänden zu begeben.

Früher

Was mich betrifft, so ist ein solcher Sonntagnachmittag die Erfüllung eines lang ersehnten Tagtraums. Früher, zu Kindertagen, waren mir Sonntage ein Graus. Zu oft verbrachte man die Nachmittage in schlecht gelüfteten Zimmern bei nahen oder entfernten Verwandten oder Bekannten und hangelte sich mit bleischweren Lidern von einer Mahlzeit zur nächsten. Entweder war man das einzige Kind, oder man musste mit Kindern spielen, die man einmal im Jahr, nämlich zu ebendiesen Anlässen, traf und insgeheim nicht mochte. Pflicht. Aber auch die Sonntage, die man nicht auswärts verbrachte, waren der Familie vorbehalten. Sich mit Freunden zu verabreden war sonntags nicht erlaubt. Später wurde der Sonntag noch unerträglicher, weil man vor sich hindämmerte und seinen Kater auskurierte.

Später

Und dann kam mit Beginn des Studiums die Schichtarbeit am Wochenende. Als man sich dabei ertappte, wie man sich auf die Vorlesungen der Folgewoche freute, da man entweder ausschlafen oder am frühen Nachmittag bereits nach Hause konnte, um dann ein wenig zu chillen. Studiert man heutzutage, kennt man diese Art von Luxus nicht mehr. Und um Vorurteilen direkt vorzugreifen: Natürlich musste man die vertrödelte Zeit auch damals an anderer Stelle aufholen. Das Zauberwort lautete schlicht und ergreifend Zeitmanagement. Nun, so ein Sonntagmorgen im, in meinem Fall, vorstädtischen Tankstellenshop ließ jedoch die Sehnsucht nach einem ruhigen Sonntag ohne jedwede Verpflichtung aufleben. Mit einem nicht unerheblichen gutmütigen Neidanteil war allwochenendlich, egal zu welcher Jahreszeit, zu beobachten, wie Familien, Pärchen, junge Eltern oder Freunde vor die üppig ausgestattete Zeitschriftenwand des Shops pilgerten, diverse Printprodukte mehr oder weniger ausführlich inspizierten, bevor sie sich entweder wagemutig an etwas Neuem versuchten oder nach altbewährter Manier zu lieb gewonnenen Magazinen griffen. Ob Tages- oder Wochenzeitung, Frauenzeitschrift, Computer-, Angel-, Oldtimer-, Geschichts- oder Kindermagazin, Comic, Krimi oder Groschenroman – die Auswahl war stets riesig. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, die Rezeptauswahl, auf den Buchrücken oder der automatische Griff zur aktuellen Ausgabe der bevorzugten Zeitung: Die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Produkt war stets so mannigfaltig wie die Personen, die sich vor der Auslage tummelten und die passende Lektüre für einen Sonntagnachmittag auf der Autobahn, im Freibad oder auf dem heimischen Polstermöbel ausguckten. Ach, wie ich insgeheim davon träumte, mich, sobald ich der schnöden Studiumsjobberei entkommen sein würde, ebenso umzutun, um anschließend die eingangs geschilderte Ich-habe-dann-mal-Wochenende-Klause aufzusuchen.

Heute

Heute tat ich genau das. Meine Lektüre dafür suchte ich mir letzte Woche bedächtig und bereits voller Vorfreude am Gratis Comic Tag zusammen. Allerdings, das möchte ich an dieser Stelle betonen, hoffte ich zu dem Zeitpunkt noch, den Lesestoff nach einer sonntäglichen Radtour genießen zu können. Aber auch so bin ich ziemlich glücklich und ausgeglichen. Meine Lektüre unterbreche ich gerade lang genug, um diesen Text zu verfassen.

|frauAnna|

Gratis Comic Tag 2015: Gratis- und Kaufexemplare (Foto: privat)

Gratis Comic Tag 2015: Gratis- und Kaufexemplare (Foto: privat)

Game, set and Macke

Jüngst las ich in einer Kolumne mal wieder, dass der Tennissport in Deutschland tot sei. Weil es keine Stars gebe, die die deutsche Fahne hochhalten. Natürlich, nach dem Boom der 80er- und 90er-Jahre wurde es unweigerlich stiller. Die goldene Generation, genau genommen eigentlich nur ein höchst erfolgreiches Trio bestehend aus Boris Becker, Steffi Graf und Michael Stich, hatte abgedankt und machte nur noch neben dem Platz von sich reden. Von Interesse dabei vor allem Lebensgefährten, mit denen es weniger oder mehr hinhaute, und Wäschekammern. Weniger das Engagement für den Sport oder den unermüdlichen Einsatz für Chancengleichheit und Gerechtigkeit, was schade, hinsichtlich der Sensationslüsternheit des Boulevard aber nicht weiter verwunderlich ist. Erfreulich jedoch, dass sich eine Athletin darangemacht hat, genau zur richtigen Zeit diese Starmangelbehauptung zu untergraben. Und noch erfreulicher, dass besagte Spielerin im Anschluss an ihren Achtungserfolg – selbst wenn es „nur“ beim Einzug ins French-Open-Halbfinale geblieben ist – nicht deshalb Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird, weil sie einen prominenten (weniger spaßigen) Vogel datet. In Paris zumindest wurde ihr Sieg über Sara Errani gebührend bejubelt: Spielerisches Vermögen und ein ausgewiesenes Interesse für Sartre kommen eben an. (Die Macher dieses Blogs begrüßen diese Kombination ebenfalls ausdrücklich.) Die Rede ist natürlich von Andrea Petkovic. Man könnte an dieser Stelle sicherlich ihre Vita herunterbeten, verstärkt darauf achten, sie als Darmstädterin oder als quirlige Brünette zu bezeichnen, ihr Alter erwähnen oder anmerken, dass sie vor ziemlich genau einem Jahr ernsthafte Rücktrittsgedanken hatte. All das soll hier allerdings nicht im Vordergrund stehen. Sondern der Umstand soll Erwähnung finden, dass Frau Petkovic eine der wenigen Profispielerinnen ist, die Gott sei Dank keine offensichtlichen Macken aufweisen, die auf dem Platz ausufernd ausgelebt werden müssen.

Sicherlich ist ein wenig Aberglaube angebracht, um dem Erwartungsdruck, eigenem wie fremdem oder medialem, etwas entgegensetzen zu können. Die Macken einer Maria Sharapova dienen, so scheint es zumindest, vor allem dazu, die Gegnerin zu zermürben. Den Rücken zur Kontrahentin vor dem Return, dann, in Wartestellung, der zwei-, dreimalige leichte Schlag auf den linken Oberschenkel. Das kostet unnötig Zeit und kann schon mal zu Verwarnung und Punktabzug durch den Referee führen. Und völlig zu Recht! Bei einem Punkt die Faust zu ballen, sich selbst anzufeuern – geschenkt. Alles Weitere ist überflüssige Selbstdarstellung, als da wären: nicht auf Linien zu treten beim Seitenwechsel, unbedingt vor dem Gegner den Schiedsrichterstuhl beim Seitenwechsel zu passieren, die Flaschen in einer bestimmten Position vor der Spielerbank aufzubauen, den Zopf beim Return über die linke Schulter zu werfen, sich die Bälle stets von einer einzigen Seite aus zuwerfen zu lassen, den Schläger wegzuschmeißen oder gar zu zertreten oder den Ball aus Wut in den Himmel, ins Netz oder ins Publikum zu schlagen. Wer Gefühlsentladungen braucht, der suche dafür bitte das Schauspiel auf, da kann gleich noch eine ganze Menge mehr gelernt werden. Man lobt sich als Sportinteressierter (denn dieses Phänomen lässt sich querbeet durch alle Sportarten beobachten) junge Athleten, die noch keine absonderlichen Eigenarten an den Tag legen. Und fragt sich, ob diese im Laufe einer Karriere nicht vielleicht auch nur deshalb ausgebildet werden, weil man als Unaffektierter stets so lange darauf warten muss, dass der abergläubisch-neurotische Gegner endlich fertig wird.

Wer gern Spiele von Rafael Nadal verfolgt, weiß, wovon hier die Rede ist. Denn Nadal ist nicht bloß der aktuelle Weltranglistenerste der ATP Tour, sondern auch der ungekrönte König der Verzögerung. Vor jedem Schlagabtausch nestelt er zunächst an seiner Hose herum, wahlweise im Schritt, obligatorisch aber am Hintern, um anschließend wahlweise an der Vorderseite seines Oberteils zu ziehen, in jedem Fall aber am linken Ärmel zu zupfen, dann am rechen Ärmel, woraufhin er sich vom rechten Ohr über die Nase zum linken Ohr wischt, um letztlich erneut vom linken Ohr über die Nase zum rechten Ohr zu fahren. Wirklich vor jedem Ballwechsel. Mag sein, dass er extrem viel schwitzt, aber dieses unablässige Wischen ist einfach zu viel. Er könnte doch wenigstens seinen Sportbekleidungshersteller darum bitten, seine Ausrüstung zu modifizieren; bei dem erspielten Renommee sollte diese Extrawurst möglich sein. Der Verfasser dieses Textes ist aufgrund des stetigen Zupfens und Wischens jedenfalls nicht in der Lage, sich ein Spiel von Nadal anzusehen, ohne dabei irgendwie aggressiv und ungeduldig zu werden.

Dagegen sollte man das vielleicht nicht ganz so erfolgreiche, aber herrlich unprätentiöse Spiel der deutschen Damen und Herren unbedingt lobend erwähnen. Wobei von mangelndem Erfolg eigentlich nicht die Rede sein kann. Man bedenke das Erreichen des Fed-Cup-Finales der deutschen Damen. Oder das Erreichen des French-Open-Finales im Mixed-Doppel von Görges und Grönefeld, womit schon vor dem für Grönefeld erfolgreichen Ausgang feststand, dass ein Grand-Slam-Titel nach Deutschland gehen würde. Oder die beachtliche Bilanz von Tommy Haas bei seinem gefühlt zehnten Comeback. Die nachrückende Generation mit intelligenten Spielern wie Beck, Pfizenmaier und Struff. Und waren bei den diesjährigen French Open die Deutschen nicht auch mit dem zweitgrößten Aufgebot nach Gastgeber Frankreich vertreten? Tennis lebt sehr wohl. Die Medien müssten diesen Umstand bloß wahrheitsgemäß abbilden und nicht ausschließlich auf Sensationen anspringen.

[frauAnna]


Auch die Eigenarten längst nicht mehr aktiver Spieler sorgen noch für Heiterkeit
(Video: Youtube/Australian Open TV)

Ars ex machina

Die künstlich befeuerte Literaturdebatte, die sich durch die einschlägig bekannten Medien zog und noch zieht, ist als Kunstprodukt unschlagbar. Wohl platziert natürlich, da jüngst die Leipziger Buchmesse stattfand. Was kann Literatur? Was darf Literatur? Was muss Literatur leisten? Diese Fragen sind so alt wie der Gegenstand selbst. Denn die Künste sind, was in der Natur der Sache liegt, selbstreferenziell. Und, etwas weiter gefasst, selbstreflektierend. Es geht um den Menschen, die Welt, Gott (oder eine andere übergeordnete Instanz), die Natur. Und sobald der Mensch Einlass in die Handlung findet, kommt es unweigerlich zu Verwicklungen. Was sich wiederum in der menschlichen Natur begründet.

Der Fluch der Moderne

Der Vorwurf, die deutsche Gegenwartsliteratur sei statisch, langweilig, banal, inhaltslos, liegt nicht darin begründet, wer die Literatur schafft. Nicht das Milieu ist entscheidend, nicht der Ursprung, die Form der Sozialisierung, die Erziehung oder der Bildungsweg. Die Ursache liefert die Moderne. Ganz einfach. In einer Welt, in der es nichts Geheimnisvolles, Unergründliches, Mystisches mehr gibt, zumindest nicht in sogenannten zivilisierten Gegenden, kann sich auch nichts Aufsehenerregendes ereignen. Und auch die unberührte Natur ist mittlerweile von allen zivilisierten (vernetzten?) Menschen einsehbar, denn irgendjemand ist eben doch schon da gewesen, hat Fotos geknipst und Videos gedreht, die anschließend in (Print-)Publikationen oder dem ach so sozialen (gemeinnützigen?) Web weiterverbreitet wurden. Und falls nicht, dann hat Google Earth garantiert schon einen Beobachtungssatelliten darauf abgerichtet. Oder wahlweise die Amis. Was vermutlich eh ein und dasselbe ist.

Ausweg Abenteuerroman?

Diese These ist nicht neu, sondern fand bereits anlässlich der Nominierungen für den Deutschen Buchpreis 2013, der im Zuge der Frankfurter Buchmesse verliehen wurde, Erwähnung. Ein weiterer Beleg dafür, dass es in geistiger Hinsicht immer schwerer wird, etwas Neues zu erfinden. Etwas noch nie da Gewesenes. Etwas, das nicht die x-te Wiederholung eines (ver)alten(den) Sachverhalts ist. Die Shortlist setzte auf moderne Roadtrips zur Identitätsstiftung und -sicherung; folgerichtig wurde die „lebendige Road-Novel“ der Preisträgerin gewürdigt. Doch auch Abenteuerromane können heutzutage nicht mehr das leisten, was sie vormals, im 19. und frühen 20. Jahrhundert, abbildeten: den Aufbruch des Menschen ins Unbekannte und Ungewisse. Oder wie es Gide vor über einem Jahrhundert ausdrückte: „Die Wahrnehmung beginnt, wenn die Eindrücke sich ändern; daher die Notwendigkeit der Reise.“ Der vom rein wissenschaftlichen Wert seit jeher verpönte Abenteuerroman („laienhafte Bildungsromane für Laien“) kann auch im modernen Sinne nichts beisteuern. Das Unbekannte ist nicht mehr existent, nicht mehr wesentlich.

Form, nicht Inhalt

Und so kann die Kunst wieder nur das verfolgen, was sie in ihrem ureigensten Kern immer gewesen ist: die Rückbesinnung auf sich selbst und auf den Menschen. Im ersten Fall ist es die Debatte über die Kunst selbst, die die Kunst zugleich maßregeln und mitgestalten will. Im zweiten Fall ist es die Verinnerlichung der oft autobiografischen Figur, egal zu welchem Ort und zu welcher Zeit, ob in einem Kriegsgebiet, in einer anderen Kultur, in einem anderen Klima, in einem Drogenexzess auf einer hippen Party oder in einem falschen Körper. Diese Selbstreflexivität löst unweigerlich einen Stillstand aus. Gedanken sind keine Handlung an sich, sie sind stets nur Ursache oder Wirkung. Erfahrungen jedoch, im Zuge der Debatte oft gepriesen, sind mittlerweile nicht mehr individuell, sondern universell, weil digital zugänglich. Kein Wunder also, dass sich heutzutage so viele Autoren finden lassen, die sich dazu berufen fühlen, weil es möglich ist. Die Chance der Gegenwartsliteratur liegt entsprechend in der Wahl der Verbreitungsform, nicht in der inhaltsseitigen Innovation. Das zeigt auch die Geschichte: Die Blütezeit des Abenteuerromans fiel zusammen mit einer neu geschaffenen Möglichkeit, mehr Leser zu erreichen – der Etablierung der Massenpresse.

[frauAnna]

« Jede Generation bildet sich ein, die Probleme, mit denen sie zu kämpfen hat, seien historisch unvergleichlich, unerhört neu, radikal verschieden von allem, was früher die Menschheit bedrohte. Das Pathos der Moderne hat diese naive Vorstellung befördert, und die Idee des Fortschritts hat sie zementiert. Noch die Katastrophen, die sich anbahnen, bürgen unserer Phantasie dafür, daß wir es weiter gebracht haben als unsere Vorfahren. So ernst wie die unsrige war keine andere Lage. Unsere Phantasie hält zäh daran fest, daß wir Privilegierte sind, und sei es auch in der apokalyptischen Negation jeder möglichen Zukunft. »

[hans magnus enzensberger]